Anekdote zur Wasserversorgung der Stadt Nördlingen

 

Die zentrale Wasserversorgung war für die Stadt Nördlingen bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein sehr wichtiges und sehr brisantes Thema. Dies beweist ein am 12. April 1893 im „Nördlinger Anzeigenblatt“ veröffentlichter Bericht über den vorgesehenen Bau der Wasserversorgungsanlage für die Stadt Nördlingen.

Der unzureichende Feuerschutz, verunreinigte Brunnen im Stadtbereich und die damit verbundene gesundheitliche Gefährdung der Bürger waren Ursache für dieses brisante Thema. Der unaufhaltsame Fortschritt mit der zunehmenden Technisierung und Industriealisierung zum Ende des 19. Jahrhunderts machten solche Überlegungen damals überhaupt möglich.

Es sollte ein Quellgebiet erschlossen werden, aus dem Quellwasser in natürlichem Gefälle – ohne Einsatz von Energie – der Stadt zugeleitet werden konnte. Diesem Vorhaben stand die Bevölkerung mit sehr viel Skepsis – mehr als 800 Unterschriftsgegner – gegenüber.

Schließlich wurde die Erschließung der „Ederheimer Quellen“ mit einer Ablaufhöhe von 492 m NN und die Überwindung der Höhenzüge „Riegelberg“ und „Kampf“ durch den Bau von zwei Stollen mit einer Länge von 314 m bzw. 384 m, sowie zum Ausgleich von Druck- und Ver-brauchsschwankungen der Bau eines Hochbehälters auf der Marienhöhe (468 m NN) mit einem Fassungsvermögen von 600 m³ beschlossen. Insgesamt waren seinerzeit Baukosten in Höhe von 275.000 M und ein voraussichtlicher „Wasserzins“ in Höhe von 9 Pfennig veranschlagt worden.

Mitte März 1896 war das „Werk“ vollendet. Am 15. März 1896, einem Sonntag, nachmittags vier Uhr, ergoss sich eine große Wasserwelle in das Rohrnetz der Stadt und die beiden Kammern des Wasserreservoirs wurden mit Wasser gefüllt.

Zwei Stunden später schlug die große Glocke im Glockenhäusle des Daniels Feueralarm: Das Haus des Bäckermeisters Tremel in der Berger Straße 57 b stand in Flammen.

Die vielgelästerte und hart umkämpfte Wasserleitung bewährte sich aufs Beste:

Die angrenzenden Häuser blieben von den züngelnden Flammen verschont.
Die Feuerwehrmänner waren besonders stolz auf die tadellos funktionierende Wasserleitung, deren starker Druck höchstes Erstaunen hervorrief.

In den folgenden Monaten sah man auch in den Häusern nur freudestrahlende Gesichter. Den guten Hausfrauen war von nun an das Wasserholen am Brunnen erspart. Wie schön und be-quem war es doch, fließendes Wasser in der Küche zu haben!