"So, G`sell, so!"

Mit dem Wächterruf "So, G`sell, so!" ist eine immer wieder erzählte Sage verbunden, die jedes Schulkind lernt und die jeder Fremde hört, die aber eben nur eine Sage ist.

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1440 soll Graf Hans von Oettingen versucht haben, die Reichsstadt Nördlingen zu überfallen. Deshalb habe er Türmer und Wächter des Löpsinger Tores bestochen, dass sie drei Nächte hintereinander Brücke und Tor unversperrt lassen sollten. In der dritten Nacht endlich, als der Graf mit viel Kriegsvolk schon nahe vor die Stadtmauer gezogen war, um Nördlingen im Handstreich zu überfallen, zu brandschatzen und zu plündern, habe ein Lodweber beim Löpsinger Tor, der noch spät abends arbeitete, seine Frau um einen Krug Bier oder Wein geschickt. Da habe die Frau gesehen, wie sich eine herumlaufende Sau (historische und schwäbische Bezeichnung für "Schwein") an den Torflügeln des Löpsinger Tores rieb, die sich dadurch öffneten. Die Frau habe die Sau mit dem Zuruf "So, G`sell, so!" vertrieben, und dann habe sie sogleich voll Schrecken ihrem Mann von der Gefahr berichtet. Dieser habe Lärm geschlagen, woraufhin der Bürgermeister hatte Sturm läuten lassen und alle Mannschaft auf die Mauern befohlen. Die veräterischen Torwächter seien bei Würfelspiel und Wein ergriffen und später geviertelt, ihre beteiligten Frauen ertränkt worden. So habe eine Sau die Stadt gerettet.

Bis heute lässt sich historisch nicht nachweisen, dass Graf Hans von Oettingen diesen Überfall wirklich geplant hat. Auch nicht, dass er die Wächter des Löpsinger Tores bestochen und zum Verrat angestiftet hat. Die Nördlinger haben diese Verräter aber nachweislich hingerichtet. Aus Dankbarkeit über den vereitelten Überfall haben sie einen alljährlich zu feiernden Gedenktag mit einer Predigt verordnet. Diese Predigt wurde bis ins 18. Jahrhundert gehalten und bekam vom Volk den wenig respektierlichen Namen "Saupredigt"!

Der Nördlinger Wächterruf "So, G`sell, so!" (So Geselle so) hat historisch sicherlich nichts mit jenem sagenhaften Schwein zu tun. Der Wächterruf mit den leicht und laut zu rufenden und daher weittragenden O-Lauten wurde als Parole und Kontrollruf von allen Tor- und Mauerwachen, auch den Turmwächtern auf dem Daniel und den Scharwächtern in der Stadt, stündlich oder sogar halbstündlich gerufen, wodurch gegenseitig sichergestellt werden konnte, dass alle Wachen wirklich wach und auf ihren Posten waren und nicht in irgendeinem vertrauten Winkel schliefen.

Dass die Nördlinge rnoch heute ein besonderes Verhältnis zu diesen klugen Tieren haben, sieht man an vielen Aktionen:

  • Saupredigt wurde im Volksmund der Gottesdienst genannt, der alljährlich seit dem 18. Jahrhundert bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts am 7. Januar in der St.-Georgs-Kirche stattfand - ein Dankgottesdienst zur Erinnerung an die Rettung Nördlingens.
  • Schweinemarkt 1390 bis ca. 1960auf dem Brettermarkt, später auf der Kaiserwiese (ca. bis 1992)
  • Wächterruf "So, G`sell, so!" Auch heute noch ruft der Türmer von 22.00 bis 24.00 Uhr jede halbe Stunde seinen Wächterruf vom Turm
  • "So, G`sell, so!" Eine Aktion des Stadtmarketingvereins "Nördlingen ist`s wert" - über 220 ganz individuell bemalte Schweine stehen in der Nördlinger Innenstadt

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